Das Stehenbleiben

Obwohl das Stehenbleiben einen sehr großen Teil des täglichen Lebens ausmacht, bekommt es doch nicht die Aufmerksamkeit, die ihm zusteht.
Oder hat man schonmal was von ‚Den 10 lustigsten Stehenbleibern‘, ‚Wer wird Stehenbleiber‘, ‚Emergency Stehenbleiber‘ oder ‚Desperate Stehenbleibers‘ gehört?
Ich jedenfalls nicht!

Deshalb widme ich mich heute der Kunst des Stehenbleibens (in weiteren Folgen dann vielleicht auch den nicht weniger interessanten Künsten des Sitzenbleibens und Spazierengehens).

Der gemeine Stehenbleiber (homo lapidosus) tritt in verschiedenen Arten an die Außenwelt:

Die wohl verständlichste und nicht zu verurteilende Form des Stehenbleibers ist der ‚Scheiße mir ist da was im Gehen runtergefallen das muss ich jetzt schnell aufheben‘-Stehenbleiber.
Auch wenn man von ihm bisweilen überrascht wird, ist es doch nur zu verständlich, dass man das Handy mit den glitschigen Pranken wieder nicht festhalten konnte und jetzt die Einzelteile auf dem Boden zusammensuchen muss.

Etwas nerviger ist da schon der ‚Musste ich jetzt da rechts oder links? Ich guck mal eben auf dem Plan nach‘-Stehenbleiber.
Im Grunde mag man jetzt denken ‚Ja und? Soll er/sie/es jetzt nicht nachgucken und wohlmöglich falsch Laufen, nur weil dich das nervt?‘.
Ja! Natürlich nicht! Nur, muss er das auch nicht in der Mitte vom Bahnhof machen und dabei durch Zuhilfenahme der Deutschlandkarten-Megafaltversion und Gepäckstücken die ohnehin engen Wege noch klitzeklitzekleiner machen.

Eine meiner persönlichen Lieblingsformen ist der ‚da wo ich bin, da will ich sein, da quatscht mir auch kein and’rer rein‘-Stehenbleiber.
Dieser, wahrscheinlich durch eine Kindheit im Kohlekeller, geprägte Stil findet besonders häufig in öffentlichen Verkehrsmitteln und/oder den dazugehörigen Bahnsteigen/Bushaltestellen Anwendung.
Besonders schön sind die gemütlichen Sonntagstruppen von ehemaligen DDR Touristen, die es nun das erste mal nach 20 Jahren rüber geschafft haben und fröhlich quatschend den Weg genau bis zur beim-einfahrenden-Zug-bitte-hier-stehenbleiben-Linie (oder wie auch immer sie im Fachterminus heißen mag) blockieren.
Man nähert sich nun also mit seinem ALDI Rollkoffer, der weißgott nicht die leisesten Rollen hat, und nähert sich… und nähert sich… und ZACK, schon stehst du kurz vor der Gruppe, die sich nicht einen Millimeter bewegt hat und dich keines Blickes würdigt. Wenn man nun nicht geistesgegenwärtig (und wahrscheinlich am Rande der Legalität) die magische weiße Linie übertreten würde und mit seinem Koffer fast im Gleisbett landet, wäre die Katastrophe (bei Geschwindigkeiten von bis zu 5km/h) vorprogrammiert.

Kommen wir abschließend zu meiner persönlichen Nummer 1. Im Grunde das gleiche wie im vorigen Absatz, deshalb mache ich mir auch jetzt nicht die Mühe, dazu nochmal einen Namen zu erfinden (jaja, als hätte ich mir davor Mühe gemacht).
Also, folgende Situation: Es ist ein schöner Freitagabend, man hat sich gerade hübsch gemacht, um frisch zu sein, für das was alle Freitagabends machen… na? na? Richtig! Einkaufen gehen!
Man steuert nun also seine präferierte 4-Buchstabige Supermarktkette an, löst sich für ’ne Mark ’nen Euro einen feschen Einkaufswagen und ab geht die wilde Fahrt.
Nichtsahnend läuft man nun durch das Geschäft und sieht plötzlich die erste Schikane: Ein Super-Sonder-Niedrig-Preis-Angebots-Gemüse-Aufsteller-Kasten steht mitten im Weg… aber moment… er steht natürlich 1. nicht im Weg, sondern ist werbewirksam platziert (da haben so manche 5 Jahre für studiert um so eine schwerwiegende Entscheidung treffen zu können) und 2. nicht ‚mitten‘. Würde er in der Mitte stehen, würde die Schwierigkeit für die professionellen Stehenbleiber um 100% steigen. Da die große Stehenbleiberlobby aber anscheinend viel im Supermarktmarketingbereich zu sagen hat, steht er natürlich so, dass er nur von einer Seite mit dem Einkaufswagen passierbar ist.
Nun denkt man sich ‚Na klar, wenn jetzt jemand was tolles auf der anderen Seite sieht, wird er doch nicht seinen Wagen genau in der Gasse stehen lassen, dann kommt ja keiner mehr durch, so blöd kann doch keiner sein!‘ und hat auch gleich insgeheim den Lösungsvorschlag parat ‚auf der anderen Seite kommt ja sowieso keiner durch, da kann man ja den Wagen hinstellen und die 2 Meter rüberlaufen!‘ aaaaber wie eingangs schonmal erwähnt, fehlt bei vielen eben dieser Teil im Kopf, der es möglich macht Entscheidungen zu gewichten und da ist der kürzeste Weg zum Wagen nunmal der beste, wieso auch nicht?
Noch viel erschreckender ist aber zu sehen, dass die, die nun kurz vor dem goldenen Spirituosenregal den Weg versperrt bekommen haben, sich anscheinend nicht trauen, die Menschen auf Ihre Dummheit suboptimale Platzwahl hinzuweisen und lieber solange dahinter stehenbleiben (ha, was für eine Ironie) bis die Auswahl der schönsten Kartoffeln abgeschlossen ist und der Weg wieder freigemacht wird.

An alle die es bis hierhin durchgehalten haben erstmal einen Herzlichen Glückwunsch und an alle die Verhaltensmuster von sich darin entdeckt haben und diese nun ändern werden ein VIELEN VIELEN DANK!

(Original veröffentlicht am 20. Mai 2007)

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